Fotos zur Vollversammlung 2012

 

Die Vollversammlung mit anschließendem Vortrag des Tiroler Forstvereins fand am Freitag, den 30. November 2012 um 09.00 Uhr im Plenarsaal des Neues Rathauses in Innsbruck statt.

09.00 Uhr Vollversammlung

Tagesordnung
1. Eröffnung
2. Tätigkeitsberichte
3. Kassabericht
4. Bericht der Kassaprüfer
5. Veranstaltungsprogramm 2013
6. Anträge
7. Allfälliges

10.00 Uhr Zertifikatsverleihung an die Teilnehmer des Schutzwaldmanagerlehrgangs 2012

 

10.30 Uhr Vortrag

 

„Wie viel Wildnis braucht das Land?“.

Im Rahmen der Vollversammlung 2012 lud der  Tiroler Forstverein zu einer Vortragsveranstaltung zum Thema „Wie viel Wildnis braucht das Land?“. Dazu waren als Referenten Herr Dr. Bernhard Kohler vom WWF Österreich sowie Herr Dr. Harald Mauser von FHP Österreich eingeladen.

Das Thema Wildnisgebiete, das ja schon seit ein paar Jahren im benachbarten Ausland ein brisantes Thema darstellt, wurde im heurigen Jahr auch in Österreich diskutiert. Im Rahmen der Österreichischen Forsttagung wurde dazu die „Raidinger Deklaration“ von ÖFV und FHP veröffentlicht. Die ÖBf AG hat 2012 gemeinsam mit dem WWF Österreich eine Studie zu diesem Thema erstellt. Diese Aktivitäten zeigen deutlich, dass das gewählte Vortragsthema für Österreich und insbesondere auch für Tirol diskutiert werden sollte.

In seiner Einleitung spannte der Präsident des Tiroler Forstvereins HR DI Eugen Sprenger vor rund 100 interessierten Zuhörern den Bogen für die Referenten, indem er die mit dem Thema „Wildnisgebiete“ verknüpften Fragestellungen für Tirol in den Raum stellte. Nur 13 % besiedelbare Fläche, hoher Anteil an Kahlgebieten, hoher Schutzwaldanteil (über 70 % der Waldfläche), davon sehr viel Schutzwald außer Ertrag wurden in diesem  Zusammenhang erwähnt.

Dr. Kohler (WWF Österreich) versuchte dem Publikum als erster Referent grundsätzlich die Definition „Wildnis“ und die Entwicklung des Begriffes zu erläutern. Der moderne Begriff beinhaltet als zentrales Element die Idee des Prozess-Schutzes, der den ungehinderten Ablauf natürlicher ökologischer Vorgänge in den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellt.

Prozess-Schutz bedeutet das ungehinderte Zulassen von natürlichen Vorgängen in der Landschaft, wie  Alterungs- und Verjüngungsvorgänge, natürliche Sukzessionsdynamik, Natürliche Fluss-Dynamik, Lawinen, Muren, Felsstürze,  Windwürfe,  Insekten-Gradationen usw.

Auf den Wald bezogen wies Dr. Kohler daraufhin, dass in der fehlenden Zeitspanne zwischen den Umtriebszeiten in Wirtschaftswäldern und den Zerfallsphasen von Urwäldern zahlreiche Lebensräume für waldgebundene Organismen verloren gehen. Ja sogar 1/3 der waldgebundenen Organismen kommt mit der Forstwirtschaft schlecht bis gar nicht zurecht!

Aus dem Naturschutzgedanken sind Altholzinseln, Totholzanteile sowie Naturwaldreservate zwar wichtig aber zu wenig um dazu einen Ausgleich zu schaffen. Daher sind großflächigere Außernutzungsstellungen (= Wildnisgebiete) für den Naturschutz wichtig.

Neben zahlreichen internationalen Definitionen für Wildnisgebiete hat die 2005 gegründete Wild Europe Initiative (WEI) eine Wildnisgebietsdefinition für Europa entworfen, die für Wildnisgebiete eine Unterteilung in 3 Zonen vorsieht (Kern-, Renaturierungs-  und Übergangszone). Während in der Kernzone ein gänzliches Fehlen von Infrastruktur und minimalste menschliche Eingriffe vorgesehen sind, so sind in der Randzone z.B. herkömmliche Land- und Forstwirtschaft erlaubt. Die Größe so einer Kernzone sollte bei mindestens 3.000 ha liegen, Kernzone und Restaurierungszone gemeinsam sollten rund 8.000 ha umfassen.

Das Potential an Wildnisgebieten liegt im Österreichvergleich in Tirol am höchsten, daher sieht der WWF auch Tirol in einer speziellen Verantwortung: Hauptsächlich dürften alpine Landschaftsteile in Frage kommen, das Wildnisgebietspotential im Wald ist unter Berücksichtigung der Objektschutzwälder voraussichtlich nicht allzu groß (v.a. subalpine Waldgesellschaften).

Der WWF sieht auch noch viele offene Fragen die es zu klären gilt, insbesondere der rechtliche Klärungsbedarf, Finanzierungsfragen sowie die Akzeptanz der Grundeigentümer und anderer Landnutzer.

Als zweiter Referent konnte sich Dr. Mauser als Vertreter des waldbasierenden Wirtschaftssektors auf die Probleme von Wildnisgebieten im Wald konzentrieren. Dabei verwies er insbesondere auf die multifunktionale Waldbewirtschaftung in Österreich, die auf Grund der engen Siedlungsräume in vielen Regionen, der intensiven touristischen Nutzung unserer Landschaft und der wichtigen wirtschaftlichen Funktion des Waldes notwendig erscheint. Dr. Mauser führte sehr anschaulich aus, wie vielfältig die Eingriffe des Menschen in unsere Natur sind und wie lange diese schon anhalten. Für Tirol betonte der Vortragende die Bedeutung der Schutzfunktion des Waldes und den Stellenwert des Tourismus.

Auch für Dr. Mauser ergibt sich einiger Klärungsbedarf, auch in Verbindung mit anderen Landnutzungen wie der Jagd und der Almwirtschaft. Er warnt vor unter Umständen gravierenden Auswirkungen für die holzverarbeitende Industrie und verweist in diesem Zusammenhang an die in Zukunft noch steigende Bedeutung des Rohstoffes Holz. Auch der naturschutzinterne Interessenskonflikt hinsichtlich der Erhaltung von Arten auf „Kulturflächen“ sowie in Fragen der erneuerbaren Energie sei zu beachten.

Abschließend appellierte Dr. Mauser an die multifunktionale Waldbewirtschaftung als Kompromiss der Interessen von Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft für eine nachhaltige Lebensfähigkeit von Regionen.

In der abschließenden angeregten Diskussion wurde von mehreren Teilnehmern der hohe Anteil von Schutzwäldern außer Ertrag in Tirol erwähnt (lt. Waldbericht rund 40 % der Waldfläche). Diese weisen zum Teil urwaldähnliche Strukturen auf und wären daher ohne gravierendere Einschränkungen für die Ausscheidung von Wildnisgebieten geeignet. Auf die Frage nach der Außernutzungstellung von Schutzwäldern für Wildnisgebiete stellte Dr. Kohler die Notwendigkeit der Bewirtschaftung von Objektschutzwäldern außer Frage, in Standortschutzwäldern müsste man dies genauer hinterfragen.

Des Weiteren wurde angemerkt, dass das Erhalten von Biodiversität u.U. der Idee von zuvor definierten Wildnisgebieten entgegensteht. Durch Nichtbewirtschaftung kann ein Teil der Artenvielfalt verloren gehen, so z.B. durch Verwaldung von ehemaligen Schmetterlingswiesen im Lechtal. Ebenso müsste überlegt werden, ob die aktuelle Schalenwilddichte sich mit dem Ziel des Prozessschutzes vereinbaren lässt, da die Sukzession durch steten Verbiss hintangehalten wird.

Insgesamt waren Zuhörer auch von der Bereitschaft des WWF sehr angetan, dieses Thema gemeinsam zu diskutieren und einen „österreichischen Weg“ im Konsens zu suchen.

 

Die Vorträge der Referenten:

Dr. Bernhard Kohler WWF Österreich

Dr. Harald Mauser FHP Österreich