Die Linden - Baum des Jahres 2021

Der „Baum des Jahres“ wird in Zusammenarbeit des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus mit dem Kuratorium Wald jedes Jahr neu gewählt. Damit soll auf eine bedeutende, aber auch gefährdete Baumart aufmerksam gemacht werden. Gleichzeitig will man das Bewusstsein für den Wald sowohl in seiner Gesamtheit als auch in seiner vielfältigen wirtschaftlichen, ökologischen und gesellschaftlichen Bedeutung für uns Menschen schaffen.

Steckbrief

Von den weltweit über 20 existierenden, auf der Nordhalbkugel verbreiteten Lindenarten sind zwei Arten in Österreich heimisch: die Sommerlinde (Tilia platyphyllos) und die Winterlinde (Tilia cordata). Relativ häufig ist der Hybrid der beiden Arten zu finden, die Kaiserlinde (Tilia x vulgaris).

Der wissenschaftliche Name Tilia wird abgeleitet vom griechischen "tilos", Bast oder Faser, aber auch von "ptilon", was Flügel bedeutet und sich auf das Aussehen des Blütendeckblattes bezieht. Zudem ist das Wort Linde verwandt mit dem lateinischen "lentus", zu Deutsch "lind" = weich, biegsam und zäh.

Die Sommerlinde ist an ihren großen, stumpf-grünen, hell behaarten Blättern, die außerdem in den Nervenwinkeln weiß-bärtig sind, zu erkennen. Der Blütenstand mit dem einzelnen Hochblatt ist meist 2- bis 5-blütig, die Nussfrüchte sind deutlich 4-5-kantig und nicht zwischen den Fingern zerdrückbar. Sie kommt in wintermilden, luftfeuchten Lagen vor, sie blüht oft schon im Mai oder Anfang Juni.

Die kleineren, herzförmigen Laubblätter der Winterlinde sind oberseits kahl, etwas ledrig und tragen unterseits in den Nervenwinkeln rotbraune Haarbüschel. Der aufrechte Blütenstand ist meist 4- bis 7-blütig. Die kugeligen Früchte sind undeutlich kantig und weich. Sie blüht 2-3 Wochen später als die Sommerlinde. Sie erträgt Trockenheit und Bodensäure besser und dringt auch weiter in die inneralpinen Regionen mit kalten Wintern vor. Im kontinentalen Osteuropa wächst sie bis nach Westsibirien. In Tirol kommt sie häufiger vor als die Sommerlinde.

Ökologie und Waldbau

Beide Arten können bis 1000 Jahre alt werden, die Winterlinde wird bis 35 m, die Sommerlinde sogar bis 40 m hoch. Freistehend können die stattlichen Bäume mächtige Stämme bilden. Linden vermehren sich oft vegetativ (durch Stockausschlag oder Wurzelbrut), pflanzen sich darüber hinaus aber auch generativ, also mit Samen fort. Sie sind einhäusig (beide Geschlechter am gleichen Baum); sie blühen und fruchten erst im Alter von 20 bis 30 Jahren. Die Bestäubung erfolgt durch verschiedene Insekten, die durch den intensiven Duft der Lindenblüten angelockt werden. Hierzu gehören Bienen, Hummeln und andere Zweiflügler. Teilweise kommt es jedoch auch zu Windbestäubung. Die Samen werden hauptsächlich durch den Wind verbreitet.

Unsere Linden sind vor allem in den tieferen Lagen - in Tirol bis ca. 1000 m Seehöhe (vereinzelt auch höher) - in unterschiedlichen Waldgesellschaften verbreitet. Sie können bestandesbildend in wärmeliebenden Schutt- und Schluchtwäldern (wie in der neuen Naturwaldzelle Sillschlucht; www.tiroler-forstverein.at/projekte/naturwaldzellen.html) sowie an trocken-warmen Hängen wachsen, sind aber auch häufig in sub- und tiefmontanen Buchenwäldern und vor allem in Eichenmischwäldern vertreten. Die Winterlinde kommt zudem in Hartholz-Auwäldern vor.

Linden haben einen hohen ökologischen Wert. Durch ihr feingliedriges, tiefgehendes Herzwurzelwerk werden die Waldböden gefestigt. Das sich schnell zersetzende, viel Eiweiß und Mineralien enthaltende Laub verbessert die Bodenqualität besonders gut. Alte, auch absterbende Linden sind hochwertige Lebensräume für spezialisierte Tiere. Als Beispiel soll ein bemerkenswerter Fund in Innsbruck erwähnt werden: 2017 wurde der Große Lindenprachtkäfer (Ovalisia rutilans) gefangen. Diese ansehnliche Art wurde das letzte Mal 1978 in Tirol nachgewiesen.

Für die Schaffung von "klimafitten" Wäldern sind die Linden unverzichtbare Mischbaumarten, die nicht nur an ihren Sonderstandorten im Schutzwald sondern auch als Begleiter in Wertholzbeständen bestens geeignet sind. Es liegt in unserer Verantwortung, alte Linden zu erhalten und junge Bäume zu pflanzen!

Linden… kommen 300 Jahre, stehen 300 Jahre und vergehen 300 Jahre

An das Vorkommen von Linden machen oft Flur-, Orts- und Regionalnamen aufmerksam. Mächtige alte Linden waren in vielen Dörfern Europas Mittelpunkt des Gemeinschaftslebens, Versammlungsort und als "Thingbäume" auch Gerichtsplatz. Sie spielten auch in unzähligen Gedichten, Sagen und Mythen eine Rolle. Viele der prächtigen Exemplare in Tiroler Orten gehen auf die Pflanzung von Kaiser-Gedenkbäumen vor über 100 Jahren zurück (https://www.tiroler-forstverein.at/projekte/gedenkbaeume.html).

Nutzung

Für Mensch und Tier sind Linden seit alters her ein Segen. Wir Menschen schätzen die Heilkräfte, beispielsweise als Lindenblütentee. Die Inhaltsstoffe (ätherische Öle, Flavonoide, Schleim- und Gerbstoffe) wirken gegen Erkältungserscheinungen oder krampfartige Magenschmerzen. Der würzige Duft der Blüten lockt zahlreiche Insekten an und bietet mit dem Nektar vor allem Bienen eine ausgezeichnete Nahrungsquelle.

Bereits den Pfahlbauern war die Linde bekannt. Sie nutzten den zähen Bast (lebendes Gewebe zwischen Holz und Baumrinde) zum Binden von Werkzeugen und zum Flechten von Matten. Im Mittelalter wurden aus Bast Schnüre, Seile und Bogensehnen oder Bienenkörbe hergestellt. Das helle, weiche Lindenholz (Winterlinde ist etwas härter und biegsamer) ist vielseitig verwendbar. Heute wird es vor allem in der Bildhauerei, Schnitzerei und Drechslerei verwendet. Noch im Mittelalter galt das Holz als heilig ("lignum sacrum"), denn viele Heiligenfiguren wurden aus Lindenholz geschnitzt.

Im keltischen Baumkreiszeichen (Geburtsdaten 11. bis 20. März und 13. bis 22. September) gilt die Linde als Lebensbaum der Harmonie, Linden-Geborene sind ruhige, kommunikative, oft künstlerisch begabte und soziale Menschen.

 

 

Vereinigung der Waldaufseher, Birgit Kluibenschädl, Manfred Hotter