Die Erle - der Baum des Jahres 2020

Die Erle - Eine Geschichte von Wasser und Stickstoff

Im Jahr 2020 sind die Erlen (Gattung Alnus) der Baum des Jahres

Von den weltweit 35 existierenden Erlenarten kommen drei Arten in Österreich vor: die Schwarz-, Grün- und Grauerle. (Im Bild von links nach rechts)

Auch wenn sie alle an unterschiedlichen Standorten wachsen verbindet sie ein gemeinsames Element: das Wasser. Die Schwarzerle hat gerne besonders nasse Standorte (Grundwasserzeiger) in tieferen, warmen Lagen (bis etwa 1000 m Seehöhe). Ihre Wurzeln halten auch längere Überschwemmungen ohne Probleme aus. Die Grauerle findet man in Tirol zwischen 500 und 1600 Höhenmeter bei Fließgewässern und häufig an Rutschhängen. Grauerlenhangwälder sind besonders wichtig zur Bodenfestigung an feuchten Rutschhängen oder auf jungem Murenschutt. Die Grünerle ist ein Strauch und bildet meist ein subalpines Grünerlengebüsch (bis 2300 m Seehöhe) mit Weiden, Birken und Hochstauden, oft in feuchten Lawinenrunsen oder auf aufgelassenen Almen in kühl-feuchten Hochlagen.

Baum des Jahres 2020

Der „Baum des Jahres“ wird in Zusammenarbeit des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus mit dem Kuratorium Wald jedes Jahr neu gewählt. Damit soll auf eine bedeutende, aber auch gefährdete Baumart aufmerksam gemacht werden. Gleichzeitig will man das Bewusstsein für den Wald sowohl in seiner Gesamtheit als auch in seiner vielfältigen wirtschaftlichen, ökologischen und gesellschaftlichen Bedeutung für uns Menschen schaffen.

Steckbrief

Die Schwarzerle ist an ihren gestutzten bis ausgerandeten, einfach gezähnten Laubblättern erkennbar. Junge Äste, Knospen und junge Blätter sind klebrig. Die Rinde ist schon in der Jugend rissig und schwärzlich, es wird eine grobe Borke gebildet. Schwarzerlen können bis zu 120 Jahre alt werden. Die Schwarzerle hat gerne besonders nasse Standorte (Grundwasserzeiger) in tieferen, warmen Lagen (bis etwa 1000 m Seehöhe). Schwarzerlenbruchwälder sind eine absolute Seltenheit, häufiger kommt der Eschen-Schwarzerlenwald mit Traubenkirsche – im Unterland und in Osttirol in quelligen, feuchten Mulden vor. Hochstämmige Erlen können hier bis 28 m hoch werden.

Die Laubblätter der Grauerle sind rundlich-elliptisch, spitz, doppelt gesägt und unterseits graugrün. Die Rinde ist glatt und grau, auch im Alter ohne grobe Borke. Der Baum wird selten älter als 50 Jahre und kaum einmal höher als 20 m. Die Grauerle findet man in Tirol zwischen 500 und 1600 Höhenmeter bei Fließgewässern und häufig an Rutschhängen. Grauerlenhangwälder sind besonders wichtig zur Bodenfestigung an feuchten Rutschhängen oder auf jungem Murenschutt. In Igls an flachen, nassen Standorten findet man den sehr selten vorkommenden Grauerlenbruchwald.

Die dritte heimische Erlen-Art (Grünerle) ist kein Baum, sondern wächst nur strauchförmig, bis etwa 5 m hoch. Der Strauch blüht während des Laubausbruchs; die Laubblätter sind oval, scharf zugespitzt und unterseits grasgrün sowie herb duftend. Dieser Strauch bildet meist ein subalpines Grünerlengebüsch (bis 2300 m Seehöhe) mit Weiden, Birken und Hochstauden, oft in feuchten Lawinenrunsen oder auf aufgelassenen Almen in kühl-feuchten Hochlagen. Lawinen und Muren kann die biegsame Grünerle zwar nicht aufhalten, aber für die Bodenfestigung ist das Pioniergehölz besonders wertvoll und kann Rutschungen verhindern. Die Grünerle wird mancherorts auch Luttern oder Lutterstaude genannt.

Erlen als vielfältiger Lebensraum

Die Erlen bieten Lebensraum für über 150 Insektenarten (u.a. 75 Schmetterlingsarten, wie z.B. der Erleneule), über 70 Großpilzarten (z.B. Erlen-Schillerporling) und mehrere Dutzend Vogelarten. Der Erlenzeisig beispielsweise ist ein kleiner, überwiegend gelbgrün gefärbter Singvogel, der mit seinem schmalen Schnabel die Samen aus den Erlenzäpfchen holt. Aber auch andere Finkenvögel wie Stieglitz, Girlitz, Gimpel, Kreuzschnabel oder Buchfink nutzen die Erlensamen als Nahrung. Deshalb hilft der Erhalt von Erlenwäldern, insbesondere der wenigen Auwälder, unseren Singvögeln in den oft strukturarmen Tallagen zu überleben.

Allein auf der Schwarzerle z.B. sind über 50 pflanzenfressende Insektenarten bekannt. Einige davon sind als Forstschädlinge zu bezeichnen, etwa der Erlenrüssler (auch Erlenwürger genannt) oder der Blaue Erlenblattkäfer.

Alle Erlen sind sogenannte Stickstoffsammler, sie haben Wurzelknöllchen mit symbiontischen Bakterien (Aktinomyceten), die den gasförmigen Luft-Stickstoff in verwertbaren Pflanzennährstoff umwandeln. Damit können sie auch nährstoffarme oder degradierte Standorte verbessern.

Nutzung: Vom Fundament Venedigs bis zum holländischen Holzschuh

Das zähe Erlenholz ist vielseitig verwendbar. Es ist unter Wasser dauerhaft und wurde deshalb auch in europäischen Pfahlbausiedlungen verbaut. Auch Venedig soll auf Pfählen von Eichen- und Erlenholz stehen.

Im Mittelalter galt die Erle als wichtiger Färberbaum. Die schwarze Farbe aus der Borke verlieh der Schwarzerle ihren Namen. Holzkohle aus Erlen wurde zur Schießpulverherstellung verwendet. Heute wird das Holz als Faserholz, Möbelholz, zum Drechseln oder zur Herstellung von Spielwaren und Holzschuhen (Holland) verwendet, sowie natürlich als Brennholz.

Durch seine starke Bindung zum Element Wasser wurde das Holz der Erle von Wünschelrutengängern eingesetzt. Mit ihren Vorkommen in feuchten Gebieten und dem Holz, das sich nach dem Fällen rötlich färbt, wurde die Erle gern mit der Hexerei in Verbindung gebracht. Erlenzweige wurden in Walpurgisnacht zum Schutz vor Hexen benutzt. Daher stammt auch ihr selten, z.B. in Thüringen gebrauchter Name „Walperbaum“.

 

 

Vereinigung der Waldaufseher, Birgit Kluibenschädl, Manfred Hotter

Bilder: M. Hotter

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